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Embryonale Stammzellforschung — eine Gewissensfrage

Von Hendrik Vögler

Anfang der achtziger Jahre führte die öffentliche Diskussion um die sog. "Nachrüstung" innerhalb der NATO, der Stationierung neuer Mittelstreckenraketen im Gebiet der damaligen, noch nicht wiedervereinigten BRD zu einer gesteigerten Aufmerksamkeit in der Bevölkerung für politische Entscheidungen. Viele - vorwiegend grüne - Abgeordnete stellten sich mit ganz persönlichen Voten vor der letzten Abstimmung im Parlament in die Öffentlichkeit und eine Atmosphäre der gemeinsamen Verantwortlichkeit entstand. Die Mehrheit des Bundestages entschied sich damals allerdings für die Nachrüstung - der Lauf der Geschichte entschied knapp zehn Jahre später mit der Aufhebung der Ost-West-Polarität wiederum dagegen.

Die letzte Debatte im deutschen Bundestag über Gentechnik und Embryonenforschung vor der Sommerpause erinnerte mit ihrem großen Medieninteresse, der aufwändigen Dokumentation der Einzelvoten und den folgenden Kommentaren an die Betroffenheit in den Zeiten der Nachrüstung. Wie kommt es, dass die Forschung an embryonalen Stammzellen einen ähnlich elementaren Lebensnerv zu treffen scheint? Ist mit der Frage nach der "Würde" des Menschen doch etwas Existentielles, auch Beunruhigendes verbunden, weil im Umgang damit Unsicherheit deutlich wird?

Die "Genetisierung" der Medizin...

Mit der sog. "Entschlüsselung" des menschlichen Genoms im letzten Jahr wurde in der Öffentlichkeit der Blick einseitig auf den Einfluss von Vererbungsfaktoren beim Entstehen von Krankheiten und bei ihrer Behandlung gelenkt. Schon jetzt treten wieder andere Forschergruppen auf, die meinen nachzuweisen, dass z.B. der größere Teil der Brustkrebsformen bei Frauen (doch) umweltbedingt sei. Um das Bild zu vervollständigen, muss ein dritter, der psychosomatische Aspekt, die Patientin "selbst" als wesentlicher Faktor in Gesundheits- und Krankheitsprozessen berücksichtigt werden. Um diese drei verschiedenen Ebenen wird keine zeitgemäße Humanmedizin herumkommen. Alle Konzepte, die nur über einen dieser drei Aspekte Krankheit verstehen und behandeln wollen, werden dem einzelnen Patienten nicht gerecht - für die Zukunft ein ärztlicher Kunstfehler.

Vor diesem Hintergrund weisen die "Genetisierung" der Medizin und die zur Diskussion stehenden Verfahren wie Präimplantationsdiagnostik (PID), embryonale Stammzellforschung (ES) und Therapeutisches Klonen (TK) allerdings auf ein viel weitreichenderes Problem - und erscheinen als ein gewaltiges Ablenkungsmanöver.

Für die PID werden wiederholt Zahlen von ca. 100 Fällen pro Jahr genannt, für die - wenn der strenge Katalog sog. monogener Erbkrankheiten zugrundegelegt wird! - diese Diagnoseform in Frage käme - eine in der Tat kleine Zahl im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung der BRD von 90 Millionen....

...ein Ablenkungsmanöver

Andere Fragen bestimmen den "Gesundheitszustand" unserer Gesellschaft: Wie kann der moderne Mensch sich selbst ertragen lernen - Thema Psychopharmakaverbrauch? Wie kann das Leben des Einzelnen perspektivreicher werden, damit er ein Interesse an einem gesundheitsbewussteren Leben entwickeln will? Ein Großteil der Zivilisationskrankheiten ist vermeidbar bei entsprechender Lebensführung. In Bewegung, Ernährung, Kreativität liegen wesentliche Potentiale für die Gesundheitsbildung. Wie können wir Kinder erziehen zu eigenständigen Menschen - Thema langweilige Schule? Wie kann Partnerschaft heute neu gelebt werden - Thema Scheidungsraten? Welche Art von Ausbildung für welche Aufgaben, für welche Berufsbilder, für welche Märkte in der Welt - Thema Arbeitslosigkeit? Wie lernen wir zusammenzuarbeiten - Thema Mobbing? Die "Genetisierung" der Medizin, wie sie zur Zeit betrieben wird, wäre eine Kapitulation vor der eigenen Hilflosigkeit angesichts der genannten Themen und den wachsenden Aufgaben für kulturelle Erziehung und Bildung, die sich zum Beispiel aus der Zunahme der psychosomatischen Erkrankungen ergeben.

"...dass das Kulturelle beginnt, wo das Biologische aufhört."

Auf diesen Aspekt hat kürzlich auch Peter Sloterdijk in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau (30.06.2001) hingewiesen: "Die Unterstellung, ich wolle Erziehung durch Züchtung ersetzen, ist eine gewaltige Dummheit, die allerdings einiges über jene aussagt, die Gefallen daran finden, mich als noch Dümmeren zu denunzieren. Denn man weiß doch, dass das Kulturelle beginnt, wo das Biologische aufhört. Ich habe in den Debatten, die sich an die "Menschenpark-Krise" anschlossen, nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich auf der Seite der Kultur stehe (...) FR: Ist die in das Biologische verlegte Debatte eine Ersatzdebatte für die nicht geführte Diskussion über die Mängel in Erziehung und Bildung? Sloterdijk: Man muss es noch schärfer sagen. Ersatz für die gefürchtete, wohl aber nicht mehr lange aufschiebbare Debatte über eine sozialpsychologische Katastrophe im wahrsten Sinne des Wortes, die vom Schulwesen her in die moderne Gesellschaft vordringt. An diesem absichtlichen Verschweigen der Katastrophe liegt es, dass man irgend jemandem zutraut, er würde die Schule zugunsten irgendwelcher biologischen Mechanismen abschaffen wollen (...). Sicher ist nur, dass man Alternativen, Antworten in der Biotechnik allein nicht finden kann. Was Not tut, ist eine Bildungsoffensive diesseits der Biologie."

Biologie und Kultur...

Dieser Gesichtspunkt lässt sich aus der anthroposophischen Menschenkunde in einem weitergehenden Zusammenhang betrachten, der der laufenden Diskussion - und der Unsicherheit in Bezug auf die "Würde des Menschen" - eine andere Dimension gibt, auch wenn er hier nicht ausführlichdargestellt werden kann.

Auf die Spur können wir durch die Entwicklung der zur Diskussion stehenden "embryonalen Stammzellen" kommen. Am Anfang der Biographie eines Menschen entfaltet sich in seiner Embryonalentwicklung eine schier unbändige Wachstumsaktivität: es findet ein Körpermassenzuwachs um ein Vieltausendfaches statt. Diese Prozesse kommen in Gang mit der Befruchtung der (vitalen) Eizelle durch die (vitale) Samenzelle. Im Anschluß an erste Zellteilungen und einen Integrationsprozess (Compaction) kommt es - ausgehend von der Lage äußerer und innerer Zellen in dem ersten Zellhaufen, der Morula - zur ersten Differenzierung in Trophoblast, aus dem sich die Hüllorgane des Embryos (Plazenta und Nabelschnur) entwickeln, und Embryoblast, auch innere Zellmasse (ICM) genannt - den sog. "Embryonalen Stammzellen" -, die den eigentlichen Embryonalkörper hervorbringen. Diese Differenzierung erweist sich in Experimenten als sehr labil, vorläufig, durch Umlagerungen zu beeinflussen, nahezu "plastizierbar" und noch bis kurz vor der Implantation umkehrbar. Zwischen Embryoblast und Trophoblast sammelt sich Flüssigkeit, sodass die Embryoblastzellen schließlich als exzentrischer Embryonalknoten auf einer Seite der Trophoblasthülle anliegen und damit die "Blastozyste" entstanden ist. Diese Entwicklung findet "in vivo" vorwiegend während der Wanderung durch den Eileiter in die Gebärmutter statt. Man spricht darum von der "freien Blastozyste". Erst nach deren Einnistung in die Gebärmutterschleimhaut um den 6.Tag setzt sich die Differenzierung im Embryoblast weiter fort und führt zu der Bildung von drei sog. "Keimblättern", die wiederum die Grundlage für die funktionelle Dreigliederung des späteren ausgewachsenen Organismus sind. Festzuhalten ist, dass "embryonale Stammzellen" vor der Implantation, der "Einwurzelung" in mütterliche ("irdische") Verhältnisse und vor der Keimblattdifferenzierung, die die organische Vorraussetzung für die Entfaltung eines animalen Empfindungs- und Bewegungslebens ist, ein mehr einheitlich vitales, eine Art "menschliches Pflanzendasein" führen, phylogenetisch vergleichbar mit dem Stadium der Kugelalgen oder Hydra. Sie bilden die Grundlage für den gesamten Organismus und für sämtliche Lebensfunktionen des Menschen.

Mit der Entdeckung der Desoxyribonukleinsäure (DNA) als Träger der Gene im tierischen Organismus wurde in der Mitte des letzten Jahrhunderts in der Naturwissenschaft die etwas großspurige Ankündigung laut, man habe die "Bausteine des Lebens" gefunden, und es würde nur noch eine kurze Zeit dauern, bis man Leben "erzeugen" könne. Diese Erzeugung konnte bis heute nicht gelingen - und wird auch in Zukunft nicht gelingen, denn Lebendiges entsteht nur aus Lebendigem, z.B. aus vitalen, dem Leben der Eltern entstammenden Ei- und/oder Samenzellen. Statt dessen kommt von der Biotechnologie heute die neue Verheißung, man werde in der Lage sein, Organe, Gewebe, Zellfunktionen zu ersetzen, wenn man Stammzellen als Ausgangsmaterial zur Verfügung habe und mit ihnen experimentieren könne. Nicht mehr Gene, sondern die embryonalen Stammzellen werden nunmehr als der "Urstoff des Lebendigen" identifiziert - und damit die Jagd auf sie begonnen.

Wenn in der weiteren Embryonalentwicklung der Organismus eine gewisse Autonomie erreicht hat (tätige Zirkulation, aktiver Stoffwechsel, angelegtes Nervensystem) und er von außen weiter versorgt werden kann, kann er sich bei der Geburt aus dem engen biologischen Umkreiszusammenhang mit der Mutter lösen, abnabeln. Er "läuft zunehmend von selber", das Kind beginnt selbst schrittweise die Verantwortung für seine Lebensfunktionen zu übernehmen, vor allem auch im Hinblick auf die rhythmischen Prozesse (Schlafen, Ernährung, Verdauung). Dabei werden Anteile von diesen bis dahin ganz in der Bildung der Organe tätigen Prozesse - Wachstums- und Entwicklungskräfte - frei für "höhere" Aufgaben, für die individuelle seelische Entwicklung.

...in der Metamorphose

Hier wird der von Sloterdijk angesprochene Aspekt als Zusammenhang von Biologie und Kultur biographisch-physiologisch sichtbar. Das Kind kann mit zunehmender biologischer Reife lernen - sprechen lernen, denken lernen, kommunizieren lernen, gehen lernen, Handfertigkeiten lernen. Es kann schließlich unterrichtet werden, die Inhalte der sog. schulischen Kulturtechniken: Lesen, Schreiben, Rechnen usw. aufnehmen. Diese Kapazitäten der Lernfähigkeit sind darauf zurückzuführen, dass am Anfang des Lebens als Wachstumskräfte tätige Entwicklungsprozesse in einer Metamorphose übergehen in seelische Entwicklungsprozesse, in Potentiale, die das Kind selber handhaben lernen und später schöpferisch anwenden kann. So ist die Organisation des Menschen veranlagt: im Laufe seiner Entwicklung die leibbildenden Wachstumskräfte zu verwandeln in seelenbildende, kulturbildende Veranlagungen und Fähigkeiten.

Allerdings trägt der Mensch gerade durch sein bewusstes Erleben in sich die Anlage, zu erkranken. Seine Fähigkeit, Innenwelt bilden zu können, die Möglichkeit, Seelenkräfte selbständig gebrauchen zu können führt zu unumgänglichen Abbauprozessen. Diese Anlage kann allerdings im Gesunden durch die Fähigkeit des Lebensorganismus, im Schlaf zu regenerieren, jeweils kurzfristig wieder ausgeglichen werden.

In einer vereinseitigenden, stofforientierten Weltsicht werden nun diese Entstehungszusammenhänge des Körperlichen und des Seelisch-Geistigen im Sinne einer Metamorphose der Lebenskräfte übersehen. Und in Anschluss daran wird die mit dem Erlebnis- und Selbstbewußtseinswesen des Menschen zusammenhängenden Anlage zur Erkrankung verkannt und Erkrankung als ein Versagen der Natur aufgefasst. übrigens als eine Form des Versagens, wie wir sie aus dem Sprachgebrauch als das sog. "menschliche Versagen" kennen: nicht aufgepasst, überfordert, erschöpft - ein Versagen, dass eigentlich "von der Sache" her überflüssig ist und vermieden werden sollte - und dazu führt, das meist Menschen an der Stelle, an der sie versagt haben, ausgewechselt werden. Krankheit ist kein Versagen der Natur, sondern hängt zusammen mit der Fähigkeit des Menschen, ein Innenleben zu haben.

Zwei Wege

Hier werden verschiedene Haltungen erkennbar, die Fragen und Aufgaben unserer Gegenwart anzugehen: Eine stofforientierte Methode, die u.a. dazu führt, "Wachstumskräfte", "Lebenskräfte" auf der untersten Ebene in Form von embryonalen Stammzellen "abzuernten", sie zu bestimmten Gewebedifferenzierungen zu manipulieren und als Ersatz für ausgefallene Organ-Teilfunktionen einzusetzen. Eine andere Methode versucht den Menschen als individuelles Natur- und Kulturwesen zu erkennen, durch eine kreative Umwandlung der Wachstumskräfte in Bewusstseinskräfte und deren Schulung eine Anschauung von Krankheit im individuellen Fall zu bekommen. Ebenso vom Therapieprozess, von Heilmitteln und Lebensprozessen in der äußeren Natur, die mit den Lebensprozessen im Menschen korrespondieren und somit als Ausgleich für Prävention und Therapie angewandt werden können. Heilung ist möglich, aber nicht ohne die individuelle Komponente, durch Ausgleich, durch Lebens- und Erlebensänderung. Der stofforientierte Weg in seiner Ausschließlichkeit ist ein Rückschritt: gegenüber der Möglichkeit, individuelle Therapie zusammen mit dem Patienten zu entwickeln, ihn als Kulturwesen zu respektieren - eine Form der Verwirklichung des Aspektes "Würde" - auszuweichen auf die rein biologische Funktionsebene. Dieser Umstand führt zu der eingangs erwähnten existentiellen Beunruhigung beim Umgang mit der menschlichen Würde.

Andererseits sollte man nicht in Polarisierungen verfallen und differenzieren lernen. Genforschung und Biotechnologie sind nicht "an und für sich" unmenschlich. Sie beziehen sich (nur) auf die biologische Ebene. Der Mensch ist vielschichtig. Wenn seine Vielschichtigkeit droht, verloren zugehen, wenn seine Subjektnatur als kulturfähiges Wesen außer acht gelassen wird - oder im schlimmeren Falle manipulativ umgangen wird - kann Biotechnologie kaum im umfassenden Sinne menschlich therapeutisch wirken. Wie kann angesichts der mächtigen gegenwärtigen "Drift" hin zur Organ-, Gewebe-, Zellular-, Molekular-, ja Nanotechnologie -ebene auf der anderen Seite die Würde, die Kultur-natur des Menschen gewahrt werden?

Durch Ethik-Kommissionen? Durch das individuelle Gewissen? Die Frage nach der Quellen der Moralität.....und wir sind mitten in den von Sloterdijk angesprochen Bildungsoffensiven. Oder sind wir mit den Herausforderungen der Gegenwart dermaßen überfordert, dass wir (doch) zurücksinken auf ein quasi vorkulturelles Stadium?

Andere Motive als Helfen und Heilen

Nicht Behindertenverbände, nicht Patienten, nicht deren behandelnde Ärzte, sondern Wissenschaftler, die kaum mit Kranken selber je zu tun haben, treiben diese Art von Forschung am entstehenden Leben zusammen mit einer an der Börse zur Zeit boomenden Biotechnologiebranche voran. Der Deutsche Ärztetag, die Vertretung der behandelnden Ärzte, hat im Juni 2001 ausdrücklich die Forschung an embryonalen Stammzellen als unethisch abgelehnt. Demgegenüber prägen selbst die vorrangigen Wirtschaftsinteressen die Argumentationen von Bundeskanzler Schröder. Wesentliche Gesundheitsfragen z.B. wie die schon erwähnte, wie sich der Mensch seine Gesundheit bildet und erhält, finden keine industrielle Lobby, die sich der Erforschung annimmt - die Umsetzung wäre nicht profitabel.

Gewaltverzicht

Die zivilisierte Welt hat sich nach und nach dazu entschlossen, auf Gewalt gegen Kinder, gegen Frauen zu verzichten. Sie findet vielerorts weiterhin statt, aber zumindest auf dem Papier soll sie verhindert bzw. strafrechtlich verfolgt werden. Dieser Verzicht ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Zeichen der Höhe der Kultur. Die zivilisierte Welt sollte in gleichem Sinne auf die Forschung am beginnenden menschlichen Leben - auf "Gewalt" - zu verzichten, aus Respekt vor dem menschlichen Organismus als dem biologischen Träger menschlicher Kultur, bis geistige Substanz (Würde) gewahrt und wirtschaftliche Interessen entflochten sind.